Montag, 8. September 2008

Zazen oder Mein Weg zum Glück?

Eine Freundin fragte mich nach Zazen.

Wie ich an deinem Profil bei facebook gesehen habe, hast du dich mit Zenmeditation beschäftigt bzw. ist es ein Teil deines Lebens geworden.Wie kann ich mich dem Zen und der Meditation nähern? Ok, Meditation ist in dem sinne nichts, was man sich erliest, aber wie erarbeite ich es mir? In einer Gruppe am besten? Letztendlich gibt es viele Wege: religiöse, esoterische. Wie hast du deinen Weg begonnen?

Eine interessante Frage. Ich schrieb einen langen Text, den ich mit Dir teilen möchte.

"Über Zen zu lesen kann nicht alles sein, da hast Du Recht. Aber Praxis ohne Theorie hat mir wenig gegeben, weil ich nicht wusste, wo ich stehe und wozu ich das mache. Auch wenn ich intuitiv gefühlt habe, dass es das ist, was richtig & sinnvoll ist. Das was ich suchte.

Insofern kann ich Dich nur ermuntern, ruhig auch etwas über Zen zu lesen. Vielleicht sogar mit einem kleinen Vorlauf zur praktischen Ausübung. Damit Du siehst, ob das Fundament überhaupt eines ist, auf das Du bauen möchtest.

Was für ein Buch hast Du denn über Zen gelesen? Da gibt es ja auch in jeder der beiden Hauptrichtungen leider eine Menge Schund. Zeug, was den Kern der Sache meiner Meinung nach leider gar nicht trifft, sondern irgendwie nur pseudomystisches nebulöses Geschwafel ist, ohne Bezug zu Deinem Leben.

Jetzt mal meine Empfehlungen:
Abt Muho, ein Deutscher, der nun eines der Hauptklöster der Sotozenlinie in Japan leitet, hat ein wunderschönes Buch geschrieben, dass die Zen-Praxis auf den Punkt bringt: Zazen oder der Weg zum Glück. Das Vorwort steht hier online. Auf dieser Seite findest Du auch viele andere interessante Texte und Videos zum Thema Zen. Wenn Du Zeit zum Stöbern hast, ist die Seite eine wahre Goldgrube. Das Buch empfehle ich jedem, der nach Zen fragt. Es ist meiner Meinung nach deswegen so gut, weil es die Geschichte eines konkreten Zenweges eines Zen-Meisters ist, die dieser abwechselnd mit eher theoretischen Ausführungen darstellt. Alles sehr gut und witzig geschrieben, leicht lesbar und gut verdaulich. Zugleich stellt es ziemlich gut dar, was Zen denn eigentlich ist und was es mit unserem Leben zu tun hat.

Ebenfalls sehr gut ist Hardcore Zen von Brad Warner. Brad bloggt auch. Wir übersetzen seine Texte hier. Brad ist der Punkrocker unter den Zenmeistern. Er reduziert die Praxis auf das Wesentliche, weil ihm jeglicher esoterischer Hokuspokus zuwider ist. Deutlich wird das an einem meiner Lieblingstexte von ihm. Right on point.

Auch die Bücher von Shunryu Suzuki (Achtung: Es gibt auch einen Daisetz T. Suzuki) sind vorbehaltslos zu empfehlen, z.B. Seid wie reine Seide und scharfer Stahl. Wenngleich das nur kurze Lehrreden sind, die eher schon etwas in die Tiefe gehen und die man am Besten nach dem Sitzen liest. Da wirken die nochmal ganz anders. Wirklich zusammenhängend ist dagegen seine Biographie Crooked Cucumber von David Chadwick. Wirklich berührend. Über Suzukis Schüler Edward Brown hat Dorris Dörrie übrigens einen schönen Film gemacht, der auch auf DVD erhältlich ist: How to cook your life. Der ist ebenfalls eine absolute Empfehlung wert.

Praktische Anleitungen zum Zazen findest Du freilich auch online. Hier meine beiden Favoriten:
http://www.dogen-zen.de/zazen.html
http://hardcorezen.blogspot.com/2008/08/zazen-instructions-with-liza-rose.html

Sinnvoller ist es natürlich wirklich, sich das richtig im Dôjô zeigen und sich korrigieren zu lassen.

Zudem ist es sehr sinnvoll, sich neben der Meditation auch noch zu bewegen. Gerade wenn man sich in den Lotussitz setzt, sind schon deswegen gute Ausgleichsübungen erforderlich. Aber auch für das Büro zwischendurch sind Übungen gut und wichtig. Yoga ist da sicher ein guter Weg.

Ich habe diesbezüglich gerade das Taijiquan (Tai Chi Chuan) Qigong für mich entdeckt. Hier gibt es ein schönes Video von dem Meister, bei dem mein Lehrer trainiert. Falls Du dazu was lesen willst, findest Du hier einiges.

Denn das ist leider ein Punkt, den die meisten Dôjôs nicht beachten. Man geht da zum Zazen und zur Zeremonie. Alles gut und schön. Aber Beweglichkeit und Geschmeidigkeit übt man nicht ein, obwohl das letztlich auch zur Pflege des Körpers dazu gehört. Mediation in Bewegung eben. Die beiden Seiten scheinen mir zusammen zu gehören: Sitzen in Stille und Bewegung. Yin und Yang?!

Natürlich kostet das alles Zeit. Andererseits kann man, wenn man sich einmal einen Rhytmus erarbeitet hat, mit relativ wenig Aufwand ein sehr gutes Ergebnis erzielen. Körper und Geist altern. Schon wenn man sie nur erhalten will, muss man investieren.

Und wenn man wirklich will, findet man die Zeit für 15 Minuten Meditation am Morgen und am Abend schon. Man muss es ja auch nicht übertreiben. Wenn man dann noch ein- zwei Mal in der Woche ins Dôjô geht: wunderbar.

Letztlich findet man seinen Rhytmus schon. Du suchst sie ernsthaft, dann findest Du sie auch. Zweifellos. Irgendwie ergiebt sich nämlich alles schon deswegen, weil wir ja immer irgendwie unseren Weg gehen. Ob uns das nun bewusst ist, oder nicht. All´ das was eigentlich nur unterbewusst schlummert manifestiert sich dann in unseren Schritten.

Wie ich zum Zen gefunden habe?
2005 war ich nach einer enttäuschten Liebeserwartung in einer Lebenskrise und bin auf Hermann Hesses Steppenwolf gestoßen. Der hat mich so umgehauen, dass ich etwas recherchiert habe und Hesses Faible für den Buddhismus entdeckt habe. Völlig überfordert mit den tausend Schulen, habe ich einfach mal gesucht, was es da in Leipzig so gibt. Interessanterweise war direkt um die Ecke, wo ich damals wohnte, ein Zendôjô.

Da bin ich mit einer Freundin hingegangen. Wir haben also die Einführung ins Sitzen bekommen. Dann saß ich da, die Glocke läutete und mir wurde bewusst, dass ich eine ganze Weile so sitzen würde. Scheiße, worauf hatte ich mich da nur eingelassen?! Um ganz ehrlich zu sein: Es war furchtbar anstrengend, körperlich und geistig. Loslassen ist nicht so meine Stärke gewesen. Irgendwie dachte ich: Das überlebst Du nicht. Aber alle anderen sitzen eben auch tapfer. Da steht man nicht einfach auf und geht. Irgendwann hat man es überstanden. Und das Gefühl war der Hammer. Völlig ruhig waren Körper und Geist, zugleich voller guter Energie. Das hat mich überrascht und mein Gefühl bekräftigt, dass da mehr dahinter ist. Buddha hat nicht umsonst Zazen gesessen. Man darf nichts erwarten, dann bereichert es einen. Will man Gewinn aus der Praxis ziehen, ist das Sitzen die Hölle. Man macht sich manchmal - gerade am Anfang - viel zu viel Sorgen darum, ob man "richtig" sitzt. Irgendwann kommt das Körpergefühl. Nämlich dann, wenn man sich der Praxis voll und ganz hingibt. Dann bereichert es einen. Macht einen zum König der Welt. Der Tiger betritt den Wald, sagt man. Fokussiert, kraftvoll. Man lernt immer wieder loszulassen. Bequem ist Zazen nicht. Aber es ist nicht superschwer. Ein Weg der Mitte eben.

Anfangs habe ich noch sehr viel von Zazen erwartet. Es sollte die Sache sein, mit der ich alle meine Probleme loswerde und gleichzeitig mein super Leben gestaltet. Schöne Illusion. Irgendwann hatte ich dann sowas wie eine Erleuchtungserfahrung beim Bahnfahren. Mir wurde bewusst, dass das Leben, die Welt genauso sein muss, wie es hier und jetzt ist. Mitsamt der Umstände, die ich nun gar nicht mochte und ungerecht fand. Auch im Bezug auf Menschen. Irgendwie machte es Klick und ich liess los. Das war sehr befreiend. Ebenso mit der Zenpraxis. Der Weg an sich ist das Ziel. Willst Du ihn benutzen, fällst Du nur wieder auf die Nase. Seitdem versuche ich, die Dinge, die mir wichtig sind, in mein Leben zu integrieren. Das ist nicht immer einfach. Das Referendariat als Ausbildung zusammen mit den praktischen Verpflichtungen bei Richter, Staatsanwalt, Behörde, Anwalt, dazu die Freundin und die Vorbereitung auf´s Examen... Allzu viel habe ich nicht gesessen. Immer wieder mal. Mal regelmäßiger. Mal musste ich anderen Dingen Priorität einräumen. Mal wollte ich es... Gerade bastel ich auch wieder daran, mir einen passenden Monats-, Wochen- und Tagesplan zu erarbeiten, in dem das, was ich mir schulde, weil es das ist was ich will, integriere. Also Zazen, Taiji, Karate, Fitness... Man wird eben nie fertig. Zumindest nicht, bis man tot ist."

Kommentare:

Yin-und-Yang hat gesagt…

Tai Chi soll auch aus einer Sitzmeditation heraus entwickelt worden sein.

gokui hat gesagt…

ein langer und einsichtsreicher text - gut